Viel Lärm um Nichts

8. Februar 2010

Haarausfall – Glatze – Männerglatze – androgenetische Alopezie – Kulturgeschichte – Medizingeschichte – Quacksalberei

Viel Lärm um Nichts
Der jahrtausendealte Kampf gegen die Männerglatze

© Ronald Henss


Dass der erblich bedingte Haarausfall des Mannes – die Männerglatze – im Allgemeinen negativ bewertet wird, ist bekannt. Dies ist keineswegs nur ein Phänomen unserer modernen westlichen Gesellschaft. Unzählige Zeugnisse belegen, dass der Verlust des Haupthaares für Männer zu allen Zeiten und in allen Kulturen ein großes Ärgernis darstellte und dass Männer zu allen Zeiten und in allen Kulturen versucht haben, gegen die Glatze anzukämpfen.

Ein immer wieder zitiertes Beispiel ist ein „Rezept“ aus dem Papyrus Ebers (heutiger Standort: Universitätsbibliothek Leipzig). Der Papyrus Ebers – benannt nach Georg Ebers, der ihn 1873 erworben hat – ist eines der ältesten Dokumente der Medizingeschichte. Er stammt aus dem 16. Jahrhundert vor Christus und enthält umfangreiche Aufzeichnungen über das medizinische Wissen der alten Ägypter. Darin findet sich auch eine Rezeptur gegen die Männerglatze. Demnach sollten sich die Männer eine Mixtur aus in Öl gekochten zerstampften Datteln, Hundepfoten und Eselshufen auf Haupt schmieren.
Ähnlich skurrile Rezepturen werden an verschiedenen Stellen genannt – leider meist ohne konkrete Quellenangaben – zum Beispiel bei Balabanova (1993), Bolt (2001), Kligman & Freeman (1988), Mayr & Mayr (2003).

Eine lesenswerte Zusammenfassung geben Kligman & Freeman (1988). Einige ihrer wesentlichen Schlussfolgerungen lauten: Über die Menschheitsgeschichte hinweg war das Kopfhaar Gegenstand von Aberglauben und Spekulationen. Keiner Kultur war das Kopfhaar völlig gleichgültig. Über die bekannte Kulturgeschichte hinweg wurden immer wieder Mittel gegen die Männerglatze angepriesen, in aller Regel zu horrenden Preisen und mit völlig aus der Luft gegriffenen Heilsversprechungen und ohne jeglichen Wirkungsnachweis. Manche waren extrem exotisch und nur für die Mächtigsten erschwinglich, viele waren ekelerregend und abstoßend – und mit allergrößter Wahrscheinlichkeit waren all diese Mittelchen völlig wirkungslos.

Dass auch heute noch Millionen Männer in Apotheken, Drogerien, im Versandhandel, beim Friseur oder sonst wo gigantische Summen für völlig wirkungslose Mittelchen hinblättern, sei hier nur am Rande angemerkt. Obgleich neuerdings Medikamente zur Verfügung stehen, die in wissenschaftlichen Studien eine gewisse Wirksamkeit nachgewiesen haben, wird auch heute noch sehr viel mehr Geld in nutzlose Heilsversprechungen von Quacksalbern investiert.

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Literatur

Balabanova, S. (1993). … aber das Schönste an ihr war ihr Haar, es war rot wie Gold … Haare im Spiegel der Kultur und Wissenschaft. Ulm: Universitätsverlag Ulm.
Bolt, N. (2001). Haare. Eine Kulturgeschichte der wichtigsten Hauptsache der Welt. Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe.
Kligman, A.M. & Freeman, B. (1988). History of baldness. From magic to medicine. Clinics in Dermatology, 6, 83-88.
Mayr, D.F. & Mayr, K.O. (2003). Von der Kunst, Locken auf Glatzen zu drehen. Eine illustrierte Kulturgeschichte der menschlichen Haarpracht. Berlin: Eichborn Verlag.

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Anmerkung: Bei Kligman & Freeman (1988) findet sich in Fig.12-2 eine Abbildung, in der die Häufigkeit des Haarausfalls bei verschiedenen Altersgruppen dargestellt ist. Diese Abbildung ist in verschiedener Hinsicht unsolide. Darauf werde ich bei Gelegenheit an anderer Stelle eingehen.

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